Kann man Liebe und Flirten verlernen?

Nach langen Jahren in Ehe oder Partnerschaft plötzlich wieder Single zu sein, kann verunsichern. Kann ich überhaupt noch flirten? Und werde ich mich je wieder in einen anderen Mann oder eine andere Frau verlieben können? Psychotherapeut und Zweisam.de-Experte Stefan Woinoff gibt Antworten auf diese Fragen

Wenn nach 25 Ehejahren die plötzliche Trennung kommt, liegt die letzte Singlezeit lange zurück. Viele Frischgetrennte fragen sich dann: Kann ich mich überhaupt noch einmal neu verlieben? Habe ich es verlernt zu flirten? Aus Sicht von Dr. Stefan Woinoff, Psychotherapeut und Beziehungsexperte beim Datingportal Zweisam.de, fällt die Antwort doppeldeutig aus: „Zu lieben kann man nicht verlernen, es ist eine menschliche Grundeigenschaft. Beim Flirten sieht es anders aus: Hier reden wir über eine Tätigkeit, die man auch verlernen kann.“ Das Gute daran: Jeder kann lernen, (wieder) zu flirten.

Die Liebe gehört zum Menschsein dazu, wirklich verlernen zu lieben können wir nicht, auch wenn einem das manchmal so erscheinen mag. „Das liegt daran, dass nicht wenige nach einer langen Beziehung ihre Liebesfähigkeit unterdrücken, und eine neue Liebe einfach nicht zulassen“, sagt Dr. Woinoff. Vor allem, wenn man als Neu-Single mit sich selbst unzufrieden ist, fällt es schwer, sich für eine neue Liebe zu öffnen. „Gerne verlieben sich solche Singles immer wieder in unerreichbare Partner“, sagt der Zweisam.de-Experte. Das alte Motto, nachdem man sich erst selbst lieben müsse, um sich in jemand anderen verlieben zu können, lehnt Woinoff aber ab. „Zur Liebesfähigkeit benötige ich keine narzisstische Selbstliebe, sondern nur eine reife Selbstakzeptanz.“

Verschiedene Pfade führen zum Hochplateau der Liebe

Ebenfalls ein Hindernis für eine neue Liebe: Die klischeehafte „Hollywood-Liebes-Dramaturgie“, wie Woinoff es nennt. „Wer glaubt, dass zur Verliebtheit notwendigerweise schicksalshafte Fügungen und Flugzeuge im Bauch gehören, der steht sich selbst im Weg.“ Denn es gebe verschiedene Wege, das „Hochplateu der Liebe“ zu erreichen. Man könne einerseits vom Gipfel des rauschhaften Verliebtseins dorthin hinabsteigen, aber auch vom Fuß des Berges Schritt für Schritt die Serpentinen zum Hochplateau hinaufsteigen; also von der Freundschaft über das Empfinden tiefer Verbundenheit bis hin zur echten Liebe gelangen. „Nicht selten ist es gerade das schrittweise Verlieben, das uns später mit großer Glückseligkeit erfüllt.“

Gerade die Deutschen verlernen das Flirten

Beim Flirten sieht es etwas anders aus. „Wir können es tatsächlich verlernen, wenn wir lange nicht geflirtet haben“, sagt der Liebesexperte. Aus seiner psychotherapeutischen Praxis in München weiß Woinoff, dass viele Getrennte sich fragen: „Wie kann ich den ersten Schritt machen?“ „Wie weit darf ich gehen?“. Oder auch, was ein schönes Kompliment ist, und was über die Grenzen des guten Geschmacks hinausgeht. „Gerade in Deutschland ist es fast verpönt, wenn Menschen in einer festen Beziehung mit anderen flirten.“ In Italien sei das beispielsweise ganz anders. „Hier ist ein bisschen Flirten durchaus erlaubt. Der Zuspruch ist auch gut fürs Selbstbewusstsein und entlastet damit auch den Partner.“

Einfach mal ein Kompliment fallen lassen

Wer an den spielerischen Umgang mit dem anderen Geschlecht nicht mehr gewöhnt sei, könne ruhig ein wenig das Flirten üben. Woinoff empfiehlt, z. B. erstmal mit guten Freunden auszugehen, für die Flirten etwas Selbstverständliches sei. Auch aus guten Filmen könne man lernen, wie Flirten geht und noch dazu Spaß macht. Natürlich hilft ein gutes Selbstbewusstsein dabei, seinen Selbstwert richtig einzuschätzen. Der nächste Schritt könne dann sein, hier und da mal ein Kompliment fallen lassen. „Wenn das Gegenüber dann positiv reagiert, ist man schnell mitten im Flirt“, sagt Dr. Woinoff. Noch besser sei es aber, es den Italienern gleichzutun und das Flirten gar nicht erst zu verlernen.

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